Biometrie und innere Sicherheit


21.01.2006

Erfahrungen und Konsequenzen für biometrische Identifikation

Seit dem 11. September 2001 werden innovative Technologien zur Erhöhung der inneren Sicherheit vorgeschlagen. Von biometrischen Erkennungsverfahren erwartet man:

  • Erhöhung der Fälschungssicherheit von Personalausweisen, Pässen und Dienstausweisen
  • Eindeutiger Zuordnung von Personen zu ihren Identifikationsdokumenten
  • Unterstützung des Personals das den Zutritt kontrolliert an Grenzen und Sicherheitszonen (Flughäfen, Flugzeugen, Behörden, Unternehmen...)
  • Automatische Personenerkennung (Kameras) an Brennpunkten zur Prävention.

Biometrische Gesichts- und Fingerbilder sollen in den Peronalausweis aufgenommen werden.

Biometrische Erkennungsverfahren

Biometrische Erkennungsverfahren gibt es seit vielen Jahren. Sie beruhen auf der Annahme, daß Personen eindeutige unveränderliche Merkmale besitzen, die sich zur Identifikation mit Hilfe elektronischer Verfahren nutzen lassen. Zu diesen Merkmalen gehören z. B. Finger, Gesicht, Handgeometrie, Stimme, Unterschriftsdynamik, Iris und Augenhintergrund etc. Dabei unterscheidet man zwischen statischen Merkmalen (Fingerbild, Gesicht, Iris), die sich nur unwesentlich ändern, und dynamischen Verfahren (Stimme, Unterschrift), die ein aktives Handeln der Person bei der Identifizierung erfordern. Auch unterscheidet man die passive Erfassung, z. B. des Gesichts durch eine Kamera, an der man vorbeigeht, von der aktiven Erfassung, bei der die zu identifizierende Person etwas zu tun hat, wie den "richtigen" Finger auf den Fingerscanner zu legen.

Referenzdaten - Template

Üblicherweise werden die Daten der biometrischen Ersterfassung durch entsprechende Verfahren reduziert und als sogenanntes "Template" abgelegt. Dieses Template ist die Referenz bei den nachfolgenden Nutzungen. Aus einem Template kann das Original nicht wieder hergestellt werden.

Keine 100% Erkennung

Allen Verfahren ist gemeinsam, daß keine 100% Erkennung der Person möglich ist. Gute Näherungswerte liegen im einstelligen %-Bereich. Da sich jeder Mensch in wenigen Wochen regeneriert, unterliegen viele der biometrisch erfaßbaren "unveränderlichen" Merkmale auch diesem dynamischen Veränderungsprozeß. Dazu beeinflussen modische Veränderungen, aber auch Krankheiten oder bestimmte Lebensumstände das Wiedererkennen einmal erfaßter biometrischer Merkmale. Pilotprojekte in Deutschland, in der EU und anderen Teilen der Welt haben gezeigt, daß gute biometrische Verfahren bei einem Großteil der Probanden eine gute Wiedererkennungsrate aufweisen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wie qualitativ hochwertige Ersterfassung, gute Benutzerführung und häufige Nutzung, bei der die Verfahren ihre internen Referenzmodelle dem Benutzer anpassen.

Problemfälle

Allerdings gibt es in vielen Vergleichsgruppen sogenannte Problemfälle, die sich nicht oder nur nach vielen Versuchen identifizieren lassen. Diese Problemgruppe kann je nach eingesetztem Verfahren bis in den 2-stelligen Prozentbereich kommen - unvorstellbar, wenn von 80 Mio Bundesbürgern 10%, d. h. 8.Mio, Probleme beim Grenzübertritt hätten. Auch zeigen die Feldversuche, daß erfolgreich registrierte Personen temporär nicht wiedererkannt werden.

Stabilität der Verfahren

In Deutschland beschäftigen sich mehrere Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit biometrischen Verfahren. Auch wichtige ausländische Hersteller mit ihren deutschen Repräsentanzen und Systemintegratoren sind an Projekten beteiligt. Befragt man die Anwender, so kommt schnell die Forderung nach robusteren Verfahren, die für den Alltagsgebrauch taugen. Dazu sind Projekte mit einer Vielzahl von Benutzern (einige 1000 Benutzer mit entsprechend vielen biometrischen Erfassungsstationen) nötig, die es den Herstellern bei gleichzeitiger Kostenerstattung ermöglichen, ihre Verfahren zu professionellen Systemen zu entwickeln.

Datenschutz und Verbraucherschutz

Seit einiger Zeit befassen sich Datenschutz und Verbraucherschutz mit der biometrischen Identifikation. Empfehlungen wurden z. B. im Rahmen von BioTrusT erarbeitet, die Mißbrauch verhindern sollen. Dazu gehört die Forderung, daß biometrische Merkmale nur mit Zustimmung des Besitzers verwendet werden dürfen. Als technische Lösung wird die Abspeicherung der biometrischen Daten in einem sogenannten persönlichen Token wie der Chipkarte empfohlen, die der Benutzer bei sich hat. Alternativ sind natürlich auch andere Lösungen vorstellbar, wie die zentrale Abspeicherung, bei der sichergestellt wird, daß das biometrische Merkmal nur mit Zustimmung des Besitzers verwendet wird.

Speziell bei der Grenzkontrolle wird eine zentrale Speicherung notwendig werden, da sonst Mißbrauch kaum verhindert werden kann. Erfahrungen bei den Geldausgabeautomaten zeigen, daß der Mißbrauch erst mit dem Anschluß aller Geldausgabeautomaten an eine Evidenzzentrale auf das heutige sehr niedrige Niveau reduziert werden konnte. Dabei wird jede Auszahlung online autorisiert.

In welchen Einsatzbereichen kann Biometrie unterstützen?

Aus dem oben genannten folgt, daß Biometrie im Schnellverfahren die innere Sicherheit nicht sofort signifikant verbessern kann. Sie kann aber dabei helfen, wenn es mittelfristig darum geht, menschliche Unzulänglichkeiten bei der Personenidentifikation zu reduzieren.

  • Dienstausweise mit starker Bindung an die Person: Es ist sinnvoll, z. B. die Bindung von Mitarbeitern an Dienstausweise zu verbessern. Das gilt besonders für Personen, die hoheitliche Aufgaben haben oder in Sicherheitsbereichen arbeiten. Dazu gehört sicher auch das Personal von Fluggesellschaften und Flughäfen.
  • Persönliche Identifizierung bei der Nutzung elektronischer Systeme: Ein weitere wichtiger Bereich ist der Zugang zu elektronischen Systemen. Hier könnte ebenfalls die Identifikation der Person Mißbrauch reduzieren. Speziell im Bereich der elektronischen Geldüberweisung ist eine eindeutige Personenbindung zu empfehlen.
  • Unterstützung der Kontrollbeamten zur bequemeren Einreise: Für häufig Reisende könnten biometrische Verfahren die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise erleichtern. Dabei wäre ein freiwilliges System ­ analog dem amerikanischen INSTPASS oder dem ähnlichen israelischen System - sicher einem allgemein verordneten vorzuziehen.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen ließen sich dann bundesweite Lösungen planen. Da aber viele Außengrenzen heute durch EU-Partner kontrolliert werden, ist hier eine Kooperation unerläßlich.

Allerdings ist anzumerken, daß der heutige deutsche Paß- und Personalausweis sicher zu den besten der Welt gehört, was die Fälschungssicherheit angeht. Auch sind die Grenzbeamten trainiert, in wenigen Sekunden die Echtheit des Dokuments und die Zuordnung der kontrollierten Person dazu für den Durchschnittsdeutschen zu überprüfen. Schwierig wird es, ausländische Dokumente auf Echtheit zu prüfen und ungewohnte Gesichter und Merkmalseintragungen zu unterscheiden.

Das organisatorische Umfeld bedarf besonderer Aufmerksamkeit: Zentrale oder persönliche Ablage der biometrischen Templates? Wer erfaßt die Personen mit hoher Qualität? Wie werden die Problemgruppen behandelt? Wie werden Änderungen im biometrischen Merkmalen behandelt und wer hat dafür die Kosten zu tragen?

Was sollte jetzt getan werden?

Vor einer breiten Einführung ist es in jedem Fall empfehlenswert, ja sogar notwendig, die Verfahren einem breiten Test mit vielen realen Teilnehmern zu unterziehen, bei dem die Erkennungsparameter bezogen auf die zukünftigen Nutzer ausreichend sicher bestimmt werden und bei dem der oder die Hersteller ihre Verfahren zur Produktreife bringen können.

Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich über die organisatorischen und finanziellen Konsequenzen eines breiten Einsatzes Klarheit zu verschaffen. Dazu gehört auch der breite gesellschaftliche Konsens und die klare und nachprüfbare Definition, was mit der Biometrie gelöst werden soll und kann in Abhängigkeit von den Kosten für Einführung und Betrieb.

Anmerkung: Bedenkenswert ist auch die Frage, wie Zeugen geschützt werden können, wenn starke biometrische Verfahren allgemein zur Identifizierung benutzbar werden.

"I consider the terrorist attacks on September 11th to be an attack against America's ideals. If our freedoms erode because of those attacks, then the terrorists have won." Bruce Schneier

Anmerkung der Redaktion: Die im Artikel (Erscheinungsdatum: 2001) genannten biometrischen Verfahren seit 2001 signifikant verbessert wurden. Einige der bei BioTrusT getesteten Verfahren, wie die Fingerprinterkennung von Dermalog, die Gesichtserkennung von Cognitec oder die Handschrifterkennung von Softpro gehören nach Meinung von unabhängigen Experten zu den besten in der Welt.


Kommentare

Bitte beachten Sie unsere Informationen zum Datenschutz.

blog comments powered by Disqus

Autor

  • Henning H. Arendt

    @bc® - Arendt Business Consulting

Henning H. Arendt, Inhaber der @bc® - Arendt Business Consulting ist seit 1997 unabhängiger Business Consultant und Advisor für Biometrie. Als Experte für Biometrie berät er die Europäische Kommission und spricht auf internationalen Konferenzen.




Unsere Experten


alle Experten

Premium Lösungen

Marktübersicht

Premium Services

Dienstleisterübersicht